© Ruhr Nachrichten, 26. August 2019

 

Bestens vorbereitet und hoch konzentriert

 

Wer bei einem Gitarrenfestival nach Jorge Caballero auftreten muss, hat ein Problem. Das dachte sich auch Juan Carlos Arancibia Navarro, für den der weltberühmte ältere Landsmann aus Peru eine große Legende ist. Das begeisterte Publikum im Sythener Schloss nahm ihm diese Sorge allerdings schnell. Denn der immer noch junge Gitarrist präsentierte sich bestens vorbereitet, hochkonzentriert und mit einem sinnlichen Interpretationsansatz, der genau zu Licht und Stimmung des wunderschönen Tages passte.

Navarro wird als Solist schnell etwas unterschätzt, weil er in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren als Teil des „Arie Duo“ bekannt geworden ist. Zusammen mit der Flötistin Anita Farkas spielte er bereits bei den Gitarrentagen und den Halterner Museumskonzerten.

Ein Musiker, der sehr emotionale Momente erschaffen und mit seiner persönlichen Art prägen kann. Wenn das Thema in den „Asturias“ von Albéniz wiederkehrte, klingt das bei ihm wie eine weit entfernte leise Erinnerung, die gleichzeitig enorm viel Raum zur Steigerung bekommt. Navarro hat den künstlerischen Mut, solchen Momenten eine besondere inhaltliche Bedeutung zu geben. Das gilt auch für die große Innigkeit, die viele langsame Teile erhielten. Etwa in Fernando Sors „Variationen über ein Thema aus Mozarts Zauberflöte“. Nicht nur hier gab er der Melodie sehr viel Zeit und dynamischen Raum, um die Spannung im Verhältnis zum Bass auszukosten und behutsam aufzulösen.

Endlich hörten wir einen Gitarristen, der wichtige Werke spielt, die im Original für sein Instrument entstanden sind und der nicht nur andere Musik bearbeitet. Am Anfang stand mit der „Sevillana“ von Joaquin Turina ein Werk, das der Komponist für Andres Segovia schrieb und das daher entsprechend anspruchsvoll beginnt. "Rasgueado" nennt man diese virtuose Akkord-Technik, die im Flamenco populär ist und bei der die Finger effektvoll nacheinander über sämtliche Saiten schlagen. Schnell, scharf und aggressiv? Nicht für Navarro, der gleichzeitig sehr schön auf die unterschiedliche Spannung der Akkorde achtet und gar nicht versucht, den Hörer mit seiner Virtuosität und vielen schnellen Tönen zu erschlagen. Schon hier zeigte er seine beeindruckende virtuose Fähigkeit mit dem Daumen eine melodische Linie zu gestalten. Dicht und sehr gesanglich phrasiert.

Mit der „Libra Sonatina“ von Roland Dyens und Carlo Domeniconis „Koyunbaba“ setzte Navarro Musik von zwei genauso wichtigen wie bemerkenswerten Komponisten auf sein Programm. Beide sind und waren Gitarristen, kennen also alle Möglichkeiten und klanglichen Effekte ihres Instruments. Und beide zeigen, dass „Neue Musik“ auf der Gitarre einen anderen Charakter hat, als sie es oft bei anderen Instrumenten hat. Hier gibt es keine Angst vor schönen Klängen, vor impressionistisch farbigen Akkorden, vor einer musikalischen Grammatik, die noch sehr viel mit Sprache zu tun hat und vor Verwandtschaft zu Jazz und Weltmusik aller Art. Sehr effektvoll setzte Navarro die Imitationen einer Sitar und die Slap-Technik eines funkigen Basses in Szene, mit denen Dyens sein Werk beendete. Inhaltlich soll es seinen ersten Herzinfarkt zeigen. Manchmal muss man als Hörer gar nicht alles wissen, um musikalisch alles zu verstehen. Das gilt auch für die Zugaben von Francisco Tarrega: Das wunderschöne „Caprichio Arabe“ und die „Recuerdos de la Alhambra“, die bei keinem Gitarrenfestival fehlen.   Klaus Lipinski

 

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