© Recklinghäuser Zeitung, 13. August 2019

 

Jorge Caballero sprengt die Grenzen der Gitarre

Ein Weltstar beim Festival im Saal des Sythener Schlosses

 

Für einen Moment war Sythen der Mittelpunkt der Gitarrenwelt. Zwei sensationelle Stunden, in denen auf der ganzen Welt niemand besser spielte, als Jorge Caballero im kleinen Saal des Sythener Schlosses. Was der Weltstar bei den Gitarrentagen zeigte, werden Sie nicht glauben, weil es eigentlich auf diesem Instrument unmöglich ist. Seine Zuhörer staunen jedenfalls immer noch. Vorher hatte das renommierte „Amadeus Guitar Duo“ das Festival eröffnet, auch sie erwischten einen ausgesprochen guten Tag.

 

Hätte Jorge Caballero 100 bis 150 Jahre früher gelebt, die Gitarrenliteratur sähe sicher anders aus. Denn was niemand erwartet hatte: Weder in „Bilder einer Ausstellung“ noch in „Children‘s corner“ oder in Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“ vermisste man das originale Klavier oder das Orchester.

 

Mit solch immens schwer zu spielenden Bearbeitungen ist Caballero berühmt geworden. Da ist er nicht der erste, so spielt er Mussorgsky oder Dvoraks neunte Sinfonie in Versionen, mit denen Kazuhito Yamashita vor vielen Jahren Aufsehen erregte und die seitdem niemand aufführen konnte. Aber es geht bei Caballero gar nicht um die vordergründige Technik, nicht um die rasende Geschwindigkeit, die er so geschmeidig, mühelos und unaufdringlich zeigt. Er sprengt auf atemberaubende Weise die Grenzen der Gitarre in klanglicher Hinsicht. Viele seiner teilweise extremen Klangfarben erstaunen bereits jede für sich: Erzielt mit enorm variablen Zupfvarianten, mit zarten aber intensiven Flageolett-Linien, unterschiedlich eingesetztem Vibrato und mit Kunstgriffen, wie der Klangwirkung von heruntergestimmten gelockerten Basssaiten. Mal sind es andere Fingerteile, mal ist der Ort des Zupfens, den er immer wieder über fast die ganze Saitenlänge verteilt.

 

Einzigartig macht ihn, dass er diese ausgefeilten Klänge auch noch gleichzeitig übereinander schichten kann, wenn er mehrere unabhängige Linien spielt. So bestanden seine Fugen aus sehr unterschiedlich gefärbten Linien. Mit dichtem Legato und einem warmen schönen Ton ließ er sich Zeit für die harmonische Intensität und für den Charakter von melancholischen Stücken, wie „Cordoba“ aus den „Chants espagnoles“ von Albéniz. Dieser poetische Ausdruck liegt ihm sehr am Herzen, er ist Teil seines Erfolgs. Aber Caballero weiß auch sonst was er tut. So entwickelte er den Charakter von „Jimbo‘s Lullaby“ nicht nur sehr verträumt, sondern arbeitete die Themenüberlagerungen und das von Debussy zitierte Kinderlied auch noch deutlich heraus.

 

Im ersten Konzert bezauberte vor allem Thomas Kirchhoff mit schönen Betonungen und leichten Zäsuren, die seinen Linien in Händels 7. Suite einen Hauch von freier Sprache gaben. Die Sarabande erhielt bei aller Poesie eine tänzerische Betonung, die das Duo in den Canarios von Sanz oder dem „Concierto Madrigal“ von Joaquin Rodrigo noch stärker auslebte.  Dale Kavanagh zeigte Eigenkompositionen mit einer strahlend hellen harmonischen Sprache, die Ohren zum Lächeln bringen kann.  Klaus Lipinski

 

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