© Ruhr Nachrichten, 29. August  2017

 

Hinreißende Spiellust

 

Zwar steht im Mittelpunkt der Sythener Gitarrentage – natürlich – die Gitarre, dennoch erlebten die zahlreichen Zuhörer, die am Nachmittag den Weg ins Schloss gefunden hatten, auch mit Verwandten aus der Familie der Zupfinstrumente – nämlich zwei Mandolinen – ein furioses Abschlusskonzert.

Als Vermittler diente der ausgezeichnete Vortrag des talentierten jungen Gitarristen Mischa Feizi (wie berichtet), der konzentriert und mit feinem musikalischen Gefühl die Fuge a-Moll, BWV Nr. 1000 von Johann Sebastian Bach präsentierte.

Das Hauptprogramm unter dem Motto „Magische Mandoline – eine Reise von Europa nach Amerika“ bestritten dann Prof. Caterina Lichtenberg, die in Köln lehrt, und der aus den USA stammende Mike Marshall. Die Reise durch Epochen und Kontinente begann in Brasilien mit einem folkloristisch gefärbten rasanten Stück von Jacob do Bandolim (1919-1969), gefolgt von einem von Mike Marshall komponierten Werk, das eine Reihe jazziger Elemente enthielt und schon die ganze Spielfreude und Vielseitigkeit der beiden Künstler aufblitzen ließ.

Die folgende Sonate in G-Dur, RV 71, von Antonio Vivaldi (1678-1741), ursprünglich für zwei Violinen komponiert, verwies dann auf die musikalische Heimat von Prof. Lichtenberg. Perfekt aufeinander abgestimmt und mit technischer Brillianz präsentierten sie das Werk, tänzerisch beschwingt im Allegro, die schon recht kühnen Harmonien Vivaldis auskostend im Largo und mit virtuoser Spritzigkeit im Schlussallegro. Mit hinreißender Spiellust in einem Blue-Grass-Werk von Mike Marshall – „Big Man From Syracuse“ verführten die Künstler das Publikum zum Füßewippen, kehrten dann mit den wohlbekannten zweistimmigen Inventionen Nr. I, III und IV von Johann Sebastian Bach in das Zeitalter des Barock zurück, um unmittelbar danach mit einem amerikanischen Traditional „Elzic's Farewell“ wieder in den USA zu landen.

Nach der Pause setzte das Duo sein Programm mit der Kanonsonate Nr. 1 von Georg Philipp Telemann (1681-1767) fort, um von da aus mit dem ihm gewidmeten Werk „Bokeh“ des zeitgenössischen Komponisten Daniel Huschert (*1977) direkt in die Moderne zu springen. Dieses Stück stellte in seiner äußerst differenzierten Struktur und die teilweise an Minimal Music oder fernöstliche Klangspektren gemahnende Charakter hohe Anforderungen an Konzentration und präzises Aufeinanderhören, was die beiden erfahrenen Künstler, die auch privat ein (Ehe)paar sind, souverän meisterten.

Das folgende Werk des unbekannten Komponisten Wenzel Pichl (1741-1805), eine Sonata in D-Dur, wurde von Prof. Lichtenberg solistisch auf einer wunderschön anzuschauenden Barockmandoline dargeboten, die, höher und in anderen Intervallen gestimmt, mit einem Naturfederkiel gespielt wird; das mit sechs (statt vier) Doppelsaiten ausgestattete Instrument bot ein ganz besonders bezauberndes Klangerlebnis. Das solistische Gegenstück Mike Marshalls stellte die mitreißende Vorstellung eines Medleys aus irischer Fiddle Musik, Blues und temporeichem Bluegrass, teilweise mit Gesang dar. Den Abschluss dieses herrlich erfrischenden Konzerts zweier internationaler Ausnahmekünstler bildete je eine Komposition von Prof. Lichtenberg – ein Wiegenlied, sowie „Borrealis“ von Mike Marshall. Die begeisterten Zuhörer entließen die Künstler erst nach zwei Zugaben.  Heidi Siegel

 

  zurück