© Ruhr Nachrichten, 15. August  2017

 

Internationale Klänge beim Quartett GuitArtist

 

Auch das Nachmittagskonzert der Sythener Gitarrentage 2017 fand, wie immer, im ausverkauften Hause statt und tauchte mit dem GuitArtist Quartett, bestehend aus Ingo Brzoska, Ludger Bollinger, Peter Brekau und Guy Bitan in eine ganz andere Klangsphäre ein als in die am Morgen gebotene Welt der Oper und des Tango, was nicht nur der unterschiedlichen Thematik, sondern vor allem dem ganz eigenen Klang von vier Gitarren geschuldet ist. Das seit nunmehr zehn Jahren bestehende Quartett hatte sein Programm mit „Classical Crossover“ überschrieben und bot eine bunte Vielfalt von Barock über Eigenkompositionen der Mitglieder bis hin zur Zugabe „Bon jour de la Ruhr“. Zu Beginn erklang ein Arrangement von Ingo Brzoska aus Georg Friedrich Händels „Ankunft der Königin von Saba“, der auch als Komponist der folgenden, sich an barocker Formensprache orientierenden „Pastourelle“ und „Toccatina“ fungierte – das eine, wie Brzoska es beschrieb, „Wohlfühlmusik“, in seiner Unaufgeregtheit dahin sprudelnd wie ein Wiesenbach, das andere entsprechend der formalen Vorlage eher rhythmisch betont. Auch das folgende Werk „Comme une Bourrée“ stammte aus der Feder eines Quartettmitglieds. Hier hatte der in Tunesien geborene Guy Bitan eine frische, fast jazzige Hommage an Johann Sebastian Bachs erste Lautensuite geschaffen, die in ihrem Klangspektrum die Variabilität der vier Gitarren voll nutzte und vom an E-Gitarrenklänge erinnernden Sound bis zu cembaloähnlichen Tönen und perkussiver Nutzung des Gitarrenkorpus reichte. Mit einer von Ingo Brzoska bearbeiteten Sonate von Domenico Scarlatti, in der das bekannte Klavierwerk (ursprünglich für Cembalo) in neuem, interessantem Gewand daherkam und mit Bearbeitungen der „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy endete der erste Teil des Konzerts.

Nach der Pause erklang, wiederum von Guy Bitan, eine mitreißende „Hommage à Dave Brubeck“, der das von Paul Desmond komponierte Stück „Take five“ mit seiner Band einst weltberühmt gemacht hatte. Nach langsamem, fast barock anmutendem kanonischem Beginn wandelte sich das Werk in modernere Klänge, allmählich das Tempo forcierend, begannen die vom Komponisten angedeuteten Variationen verschiedener 5-er Rhythmen, um am Schluss das Thema aufzugreifen, das durchgängig in der Textur zu erkennen war. Hier, wie auch bei den perkussiven Elementen und den präzisen Pausen, war das gediegene Aufeinanderhören der Quartettmitglieder hervorzuheben. Das folgende, vom Quartettmitglied Peter Brekau komponierte Stück „Herencia Andaluza“ (Andalusisches Erbe) sollte mit seinen drei Sätzen „Al Andalus“, „Atardecer en Sierra Nevada“ (Abenddämmerung in der Wüste) und „La fiesta de la naranja“ (Apfelsinenfest) eine Hommage an andalusische Freunde darstellen. Der in spanischem Stil eher konventionell, aber niemals banal klingende erste Abschnitt wusste ebenso zu begeistern, wie die mandolinenartigen Klänge des zweiten und die von rhythmischem Klatschen begleitete Festtagsstimmung des letzten Satzes. Als letztes Stück hatte das Quartett Ausschnitte aus einem Werk des kürzlich verstorbenen Gitarristen Roland Dyens gewählt, „Hamsa“, was auf arabisch „fünf“ bedeutet und sich auf eine mythische Interpretation der Mohammed-Tochter Fatima bezieht. Die Sätze „Première Nouvelle“, „Ballade en Fauré“ und „Tunis, Tunisie“ klangen jazzig-französisch, teils sehr lyrisch und melodiös, der letzte, entsprechend seinem Titel minimalistisch-orientalisch mit ausgesprochen rhythmischen Elementen über einem betörenden Klangteppich. Der schon erwähnten ersten Zugabe „Bon jour de la Ruhr“ folgte noch eine zweite, eine Bearbeitung der bekannten Pavane von Gabriel Fauré.     Heidi Siegel

 

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